Was gewesen ist: Woche 13 (2018)

Im „Spiegel Special“ von 1997 stand natürlich noch nichts von der erniedrigenden Einreisezeremonie, die die Amerikaner nach den Anschlägen von 9/11 choreografiert hatten und die seither mit eiserner Miene durchgezogen wird. Nach stundenlangem Warten in einer der vielen Schlangen ist man dann fast schon froh darüber, seine Finger auf diese schmierige Scheibe drücken zu dürfen, ein mögliches Fahndungsfoto vom übernächtigten Zehnstundenflug-Gesicht schiessen und sich dann das Auge scannen zu lassen.

Der erste Eindruck von „God’s own Country“ war dann in San Francisco, wo wir gelandet waren, auch nicht anders, als in New York, Chicago oder Los Angeles: die selben, auf uncharmante Art abgetreten Teppiche, alte Tourismuswerbeplakate kitschiger Natur in der Abendsonne, Fahnen, Homeland-Security und trotz aller Runtergekommenheit alle wahnsinnig angespannt. Als Durchreisender Gast an diesem ungastlichen Ort möchte man keinen Fehler machen, man will ja einfach nur weiter, also bleibt das Handy auch bei stundenlanger Warterei in der Tasche, denn wer hier zum Beispiel ein Foto macht, läuft schon Gefahr getasert oder schlimmer noch: zur Einzelbefragung geladen zu werden. Und das, wo alle doch eh schon müde sind, vom langen Flug und dem weichen Essen.

Obwohl das „Spiegel Special“ explizit zu einem Cabriolet geraten hatte, mussten wir einen geschlossenen Wagen nehmen. Unsere insgesamt gut einhundert Kilo Gepäck hätten schlicht nicht auf die Rückbank eines Mustangs gepasst und im Kofferraum würde ja das Faltdach liegen, während wir die bekannte Küstenstraße mit der Nummer 1 hinunterfahren würden. Na gut, also einen SUV, eine Geländelimousine, in einem metallischen Rotton.

Wir fuhren in die Stadt, die Sonne schien, es war ein guter Tag und das Hotel, das wir erst am Flughafen über die sehr zu empfehlende App „Hotel Tonight“, ein Tipp vom Hotelzimmerprofi Paul Ronzheimer, gebucht hatten, war es auch.

San Francisco gilt als schönste amerikanische Großstadt, was ich nicht bestreiten mag. Die Stadt ist geprägt von den vielen Hügeln, einer offenen Straßenbahn, der Lage in einer Bucht am Pazifik und bunten Holzhäusern, insgesamt herrscht eine absolute Relaxtheit, jeder scheint glücklich, was auch am hervorragenden Wetter (Sonne, 24 Grad, leichter Wind), in dieser sonst oft nebligen Stadt, gelegen haben mag. Die revolutionäre Bewegung der Hippies hatte hier ihren Ursprung, die Schwulen- und Lesbenbewegung der USA ging von hier aus, das in allem noch viel revolutionärere Silicon Valley liegt hier und macht die Stadt reich und teuer, fast New Yorker Niveau. Am spannendsten, weil am wenigsten museal, ist derzeit sicher das lateinamerikanisch geprägte Viertel „The Mission“, was allerdings auch schon die Dotcom-Yuppies gemerkt haben und sich hier in graffitibesprühten Hinterhöfen Margaritas uns einfache Gerichte der mexikanischen Unterschicht für 50 Dollar pro Person von den Leuten kochen lassen, die es sich nicht mehr leisten können, in der Nachbarschaft zu leben. Es ist also alles wie überall und die Hippies von Haight Asbury kämpfen auch nicht mehr, weil es doch ganz schön ist, für das eigene Holzhäuschen neben dem Psychedelic-Shop nun fünf Millionen Dollar geboten zu bekommen. So kann man sich dann auch den immer teurer werdenden Kaffee leisten, den man schließlich zu trinken gewohnt ist, während man noch einmal die amerikanischen Beat-Literaten liest, wie früher.

Die Fahrt über die Bucht und die bekannte rote Brücke, gewissermaßen der Start unserer Tour den Highway mit der Nummer 1 hinunter, ist dann allerdings ganz einfach nur genau so wunderbar, wie alle sagen. Los gehts, nach Süden, noch einmal an der Stadt vorbei, dann an die Küste, rechts nur noch der Abhang, Klippen und zum Glück auch diese kleinen, in die Fahrbahnmarkierung eingelassenen Hubbel, ohne die man ganz smooth und sehr malerisch in den Tod cruisen würde, ohne es zu merken, trotz SUVs von der Größe eines Panzers.

Wir stoppten in der Küstenstadt Monterey, ganz so, wie es der Reiseführer von 1997 empfahl, schliefen in einem Hotel mit Meerblick und aßen beim besten Asiaten dieser Route, der sich hier „Jim“ nannte, eigentlich aber anders hieß, und ein feuriges Tofu ohne alles anbot. Am nächsten Morgen, es muss der Mittwoch gewesen sein, bestiegen wir auf mein Drängen hin ein Boot und fuhren die Küste hinauf, um Wale zu sehen, was wir auch taten, aus einiger Entfernung, manchmal nur mit zugekniffenen Augen erkennbar, immer nur ganz kurz und von aufgeregten Ansagen des Kapitäns begleitet, der durch einen seinem Ruf alle Ehre machenden Lautsprecher den Blick der Waltouristen zu lenken versuchte. Es war: okay. Und hiermit ist es dann auch endlich abgehakt.

Wir fuhren weiter nach Süden, hielten an einer ehemaligen Militärstation, oben auf einer Klippe, schauten uns die Landschaft an, fuhren weiter und so weiter. Das dies die schönste Küstenstraße der Welt sein sollte, auch dies kann hier nicht bestritten werden. Der Autor Henry Miller, der sich hier, in Big Sur, rund hundert Meilen südlich von San Francisco niederließ, schrieb über die Landschaft: „This is the face of the earth as the creator intended it to look like.“

Miller ist in den bergigen Wäldern an der Küste eine Bibliothek gewidmet, mit kleinem Skulpturengarten und einer Bühne, auf der hin und wieder lokale Bands auftreten. Es war nicht viel los hier, ein Mädchen und ihr älterer Kompagnon spielten Tischtennis auf einer mosigen Platte und der Buchhändler freute sich, endlich mal ein Buch zu verkaufen. Henry Millers Angst, sein abgelegenes Paradies könne zu einer “Goldgrube für Reisebüros werden, zu einem Vorort von Monterey – der nächsten größeren Stadt -, mit fahrplanmäßigem Omnibusverkehr, Wurstbratereien, Tankstellen, Geschäftsfilialen und all dem anderen widerlichen Firlefanz, der einen Vorort so schauderhaft macht“, ist hier und an diesem Tag eher unbegründet, auch wenn das Restaurant, ein paar hundert Meter den Berg hinauf überfüllt ist, mit roadtrippenden Familien und Sinnsuchern. Omnibusse fuhren hier jedoch immer noch nicht und auch die Straßenbeschilderung ließ nicht gerade touristisches Service-Potential erkennen, sodass wir nach drei Stunden weiterer Fahrt, die kurvige, enge Küstenstraße hinunter an ihr Ende kamen und schlicht nicht anders konnten, als zurück zu fahren, weil nichts anderes ging.

Wir schliefen im kitschigen Madonna Inn-Hotel, vor dem das „Spiegel Special“ schon 1997 aus ästhetischen Gründen eher gewarnt hatte und das unter anderem auch für sein Fellswasserfallurinal in der Herrentoilette bekannt ist, das vom Hollywood-Kulissenbauer Harvey Allen Warren designt wurde.

Am nächsten Tag peitschten wir die Straße in weiterhin genau 75 Meilen pro Stunde Richtung Süden hinunter, machten halt im nicht weiter bemerkenswerten Santa Barbara und waren dann auch bald schon in Los Angeles, hier dann allerdings erstmal noch einige Tage lang im üblichen, zäh fliessenden Stadtstau.

Unser Apartment lag nur zwei Blocks entfernt von unserer ehemaligen Wohnung, Downtown natürlich, dem einzigen Ort der Stadt, an dem man auch zu Fuß einigermaßen mobil ist, und wir fühlten uns sofort zu Hause, in der nach Urin riechenden Hitze dieses trotz aller Saftläden immer noch einigermaßen rauen Stadtteils.

Wir taten, was man immer erstmal tut, wenn man wieder nach Los Angeles kommt, und aßen mexikanisches Frühstück und fuhren in einem Anfall von touristischem Übereifer eine Stunde lang an den bewölkten Strand von Venice, nur um sofort umzudrehen und ins sonnige Viertel Echo Park zu fahren, dem Prenzlauer Berg dieser Stadt, wenn man so will, wo sich junge Familien rund um einen kleinen See treffen und auf dem nahen Bauernmarkt lokale Schrumpelfrüchte kaufen. Die Bettler und Obdachlosen von Downtown sind hier gerade weit genug weg, genauso, wie die eklig Reichen und die Angeber aus West Hollywood und Beverly Hills und bald waren es auch wir.

Am Abend, unklar, aber wahrscheinlich, dass es der Freitag war, begaben wir uns in Gesellschaft und aßen spät im Ableger des New Yorker Fischrestaurants „Catch“ in West Hollywood mit unseren Freunden, dem Liedermachergeschwisterpaar Kaulitz, der Beauty-Unternehmerin Natalie Franz und dem Architekten Davide Rizzo und besprachen, warum es hier, in Los Angeles, so viel schöner sei und besser, als in Berlin, wo wir uns zuletzt getroffen hatten. Natürlich sei es das Wetter, der weite Himmel, der so oft blau ist und nie niedrig, und das gute Essen, klar, der Verkehr nerve und so weiter und das Alkoholverbot nach zwei Uhr nachts, weswegen wir uns, wir waren schon längst in eine nahegelegene Bar hoch über dem Stadtteil mit Blick in alle Richtungen weitergezogen, bald ins Private zurückziehen mussten, wo es noch erlaubt war, zu trinken, dem flexiblen Room Service dieses Hotelzimmers sei Dank.

Es war für mich ja, das hätte ich fast vergessen, so normal und unhysterisch war das geschehen, mein erster Drink seit neun Wochen gewesen. Der erste Margarita hatte einen extremen Effekt, totaler Schub, weswegen ich sofort einen zweiten bestellte, sicherheitshalber, denn ich war schnell wacklig, gut wacklig, aber eben ein bisschen unsicher, also musste ich weitermachen, mehr: sofort.

Ich bewegte mich im Raum, der Bar, dem Restaurant, plötzlich wie selbstverständlich, sicher, weil alle hier tranken und ich nun endlich dazugehörte, ohne Angst, ohne Unsicherheit. Ich war da und Teil davon, alles okay.

Meine Verspannung in der Schulter, die ich mir durch eine übermotivierte Bewegung beim morgendlichen Sport im Fitnessraum unseres Apartmentkomplexes zugezogen hatte, löste sich langsam, dachte ich, am nächsten Morgen war sie allerdings wieder da, es war also sicher nur der gute alte Painkiller Alkohol, der hier seinen Dienst tat, keine Wunderwaffe, aber ein effektiver Helfer für den Moment. Auch den ersten okayen Joke machte ich, unaufgefordert, obwohl ich gar nicht an der Reihe war.

Nach dem dritten Drink, einem Whiskey Sour: absolute Sicherheit, fast cooles Verhalten, langer Augenkontakt mit dem Barkeeper, zum Beispiel. Zum Essen dann noch eine halbe Flasche gekühlten Rosé Wein, hier ist schließlich immer Sommer. Irre, was man so trinkt, an einem normalen Abend.

Am nächsten Tag der Kater, den ich all die Wochen so gar nicht vermisst hatte. Ich hatte ihn nie gemocht.

Den dicken Schädel, der hier in der Sonne allerdings nie ganz so dramatisch ist, wie im dann immer besonders grauen Berlin, ließ ich ich, wie der Zufall so wollte, im gegenüber unseres Apartments gelegenen Plattenladen “Pop Obscure Records” vom legendären Mike Watt weglärmen. Der Bassist und Sänger der nicht minder legendären 1980er Jahre Punkband “Minutemen” (SST Records) spielte hier mit seiner aktuellen Band “The Missingmen” vor nicht einmal dreißig Zuhörern experimentellen Punk Rock und es war ganz sicher das beste Konzert, auf dem ich seit Jahren war. Allein dafür hatte sich die Reise gelohnt und meinetwegen auch der Kater, der mich auf der Suche nach einer kalten Cola auf die Straße und in den Plattenladen getrieben hatte.

Den Ostersonntag, Giannina hatte sich an den auch von Henry Miller so verhassten Klimaanlagen verkühlt und blieb zu Hause, verbrachte ich in den Hügeln über der Stadt, den Hills, ganz oben, bei Bill und Tom, die zum Abendessen in ihr schönes Haus geladen hatten, mich und ein paar Freunde, und es war ein guter Abend bei fast vollem Mond und ich ließ mir gern noch einmal erzählen, wie schön es hier war, in Los Angeles.

Category: Die Woche: was gewesen ist

Von: Carl Jakob Haupt

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