MONTAGNACHT MIT STUCKI-MAN

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Natürlich hatte ich in den letzten Wochen die größtenteils verstörenden, aber durchaus unterhaltsamen Insta-Storys von Star-Autor Stuckrad-Barre geschaut, die Reposts meist weiblicher Fans in mich aufgesaugt, an die er sich zum Foto posierend schmiegte, sie auch mal auf die Wange küsste.

Auch hatte ich ihn durch die Menge crowdsurfen sehen, Robbie William’s „ANGELS“ halb grölend, halb singend performen hören. Das einzige, was ich online, also auf Instagram, nicht gehört hatte, war seine leicht nasale Stimme, die mich während „Panikherz“ regelmäßig auf zu langen Busfahrten begleitete und mich mit „Soloalbum“ den letzten Heartbreak hatte überwinden lassen. Ich war also gespannt, auf diese Lesung, an diesem Montagabend, ein paar Haltestellen raus aus Frankfurt, rein ins Batschkapp. 

Ins Batschkapp, wo der „Chronist unserer Zeit“ (Die Zeit) bereits vor zwei Jahren einen, so hörte ich, unvergesslichen Auftritt mit seinem Buch „Panikherz“ hinlegte, wo Clueso da war, wo sie beide gestagedivt sind. Und so weiter. Vorm Batschkapp also wartete ich nun, mit klopfendem Herzen natürlich, schließlich würde ich meinen absoluten Lieblingsautoren live und on stage sehen und das fühlte sich ungefähr so an, wie dieses Konzert, in der König Pilsener Arena in Oberhausen, mit 14. Wo ich mit Unmengen an verschmiertem Kajal und einem roten Plakat mit der Aufschrift „I love you Bill (+ Tom)“ im Sitzbereich stand. Nur eben ohne verschmiertem Kanal und auch ohne Plakat, dafür aber mit dem Buch unter dem Arm, um das es ja heute Abend gehen sollte. „Mir geht’s nicht so gut, ich muss mich mal irgendwo hinlegen.“ 

Dort so in der Pampa anstehend, schaute ich mir das Lesungs-Publikum etwas genauer an. Vor mir: Puma-Fenty Schuhe, weiß mit Schleifchen, Jeans, pinkes Shirt, Nieten-Gürtel. War DAS etwa die Stuckrad-Barre-Fanbase? Davor ein Mann, mittellange Haare, ein dreckiges Braun, gelockt und fettiger Haaransatz. Dann doch: sehr, sehr viele mittelalte Menschen, die wohl gar nicht wissen, dass sie doch irgendwie auch Teil der „Gucci Gang Remix 3“ – Insta – Army sind, die der Autor einberufen hat und die ihm, wie er später erzählen wird, jetzt total über den Kopf wachse. 

Instagram hätte er schließlich, so wird er auch sagen, gerade erst vor vier Monaten entdeckt, doch das wäre doch alles toll, dort auf Instagram, es gäbe ja nur Herzen, keine Nazis, wie man sie so oft auf Facebook und Twitter antreffe. Deswegen sei der Autor dann eben auf Instagram. Klar. 

Hinter und vor mir wird Bier, Sekt, Wurst, Pommes rot weiß bestellt. 

Endlich drin, warten wir nun, Bühne blau angeleuchtet, wir, das Publikum, die Leser, Ultras, rot. Und warten. Die Frau neben mir liest das Zeit Magazin, ich scheine hier ganz offensichtlich richtig zu sein. 

20.23  23 Minuten zu spät. Mein Puls beruhigt sich und steigt sogleich an, bei jedem total egalen Lied, das da gespielt wird, um die Massen zu unterhalten, wie das nun mal ist, vor Konzerten, Lesungen, so Dingen eben. Was er wohl tut, da im Backstage? Wird er einen Matrosenanzug tragen? Mein Fan-Sein nimmt Überhand und kritisch, so merke ich, wird das hier alles wohl kaum noch sein. 

20.28 Unangenehm wollendes Klatschen von Teilen des Publikums, an dem ich mich nicht beteilige. Generell scheint das Publikum gespalten zwischen: Drogen-Typ, kommt halt zu spät. Und: Wann kommt der denn jetzt endlich, schon ne halbe Stunde. Was dann eher von der nervös auf die Armbanduhr schauenden, etwas älteren Generation so mitgegeben wird. 

20:31 Lil Pump’s Gucci Gang erklingt. Wir, die Leser, das Publikum, werden nicht mehr rot angeleuchtet, nur noch die Bühne und nur darum wird es jetzt die nächsten zwei einhalb Stunden gehen.

Benjamin von Stuckrad-Barre, gewohnt am herumzappeln, hisst zunächst die Noel Gallagher Flagge, erklärend, dass das doch das einzige Land sei, dass er wirklich akzeptiere.

In ganz gewollter, offensichtlicher Anspielung gibt auch er nun seinen Beitrag zur großen Echo-Debatte ab, über die heutzutage ja so diskutiert werden will. Zigarette in der einen, Streichholzschachtel in der anderen Hand erklärt er, dass regionale Künstler zu bestimmen und Preise für verkaufte Platten zu vergeben, das sei ja sowieso eine eher schlechte Idee und ganz generell total scheiße. Die Noel Gallagher Flagge, das sei außerdem das einzige Land, die einzige Region, die er respektieren wolle. 

Dann folgen noch einige, zugegeben sehr gute weitere Anspielungen, Geschichtchen, so Sachen eben des Stucki-Man, wie Udo Lindenberg ihn ja so liebevoll und der Absurdität des Ausdrucks sich so gar nicht bewusst werden wollend, nennt. 

Stuckrad Barre findet dann, dass es außerdem doch ziemlich seltsam sei, dass Helene Fischer erst nach einer Woche gemerkt haben soll, dass das mit dem Echo vielleicht doch nicht so gut und eher schwierig und EINE WOCHE. „Geh doch zurück in Douglas, du Nudde.“ Klingt jetzt hier so geschrieben natürlich nicht mal halb so gut, wie es da an diesem Montagabend in der Batschkapp toll war. 

Irgendwann wird dann auch vorgelesen, von der immer und immer wieder wehtuenden Liebe, das „Tattoos“-Kapitel in seinem neuen Buch. Dann ist da plötzlich, ganz unerwartet, tatsächlich, wieder Clueso. Den ich trotz des „Cello“ Liedes ja doch eher instinktiv in der Kategorie Mark Forster, Philipp Poisel verordnet hatte. Der dann aber doch einen sehr guten Text vorsingt (Chicago) und noch zwei weitere, gute Lieder. Manchmal, da muss man sich dann doch frei machen von diesem Hang, der ja vor allem meiner von Ironie besessene Generation anhaftet, dazu alles gleich lächerlich zu finden. Sondern Dinge, die gut sind, auch einfach mal so zu finden. Einfach so. 

Die beiden lesen jetzt  noch ein Kapitel zusammen. „Madonna“. Und ersetzten in dem Erlebnisbericht eines Konzertes in LA, den Namen „Madonna“ jedes Mal durch „Bettina Böttinger“, die sich erst einige Wochen zuvor im „Kölner Treff“ darüber echauffierte, dass ja im neusten Buch des Autors viel mehr Männer vorkamen, als Frauen. Außer halt Madonna. Und das findet der Autor so scheiße und begreift diesen „quantitativen Feminismus“ so überhaupt nicht, dass jetzt eben Böttinger zu Madonna wird. Und dann so Sätze entstehen wie: „Bettina Böttinger fickt den Boden.“ 

Gen Ende dann wird wieder gesungen, jetzt der Tradition dieser Lesereise halber „Angels“ von Robbie Williams, dessen Text der junge Clueso so gar nicht beherrschte, was aber niemanden wirklich störte, schließlich konnten ihn dafür alle anderen im Publikum ziemlich gut. Dann wurde, ebenfalls der Tradition halber, gestagedivt. Trotz kleiner Lücken, trotz Stühle. Und es funktionierte. Dann ging noch die Gucci-Member auf die Bühne und es wurden Fotos mit einem weiteren Teil der Internet-Gang gemacht. Nach ellenlangem Anstehen noch das kurze Gespräch, das Autogramm. Und ich war glücklich. Fast oder vielleicht sogar genauso glücklich, wie damals. Vor sechs Jahren, vor der König Pilsener Arena in Oberhausen. 

I’m loving Batschkapp instead – „ANGELS“ mit @clueso Pt. 2

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Category: Special

Tags: Batschkapp Frankfurt, Benjamin von Stuckrad Barre

Von: Angelika Watta

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