Melania Trump und das überfällige Ende der Statement-Mode

Eigentlich hatte man sie schon in den 1960er Jahren, als erstmals politische Botschaften auf T-Shirts auftauchten, nicht wirklich gebraucht. Denn wer wirklich was zu sagen hatte, sagte das in Megaphon, skandierte es in großen Gruppen oder trug die Gegenkultur gleich direkt am Körper: mit langen Haaren, wilden Bärten, nackter Haut, was sicher rebellischer war, als ein markiger Spruch auf dem T-Shirt.

Beim legendären Woodstock-Festival, Höhe- wie Endpunkt der Hippie-Bewegung gab es keine Merchandise-Stände, dafür eine 400.000-Personen starke Performance friedlichen, gleichberechtigten Zusammenlebens.

Jahrzehnte später scheinen wir nicht weiter zu sein.

Im Zuge der #metoo-Debatte schnellten allerorts feministische T-Shirt-Designs aus dem Boden. Beim französischen Modehaus DIOR verkaufte sich das „We should all be feminists“-Shirt für hunderte Euro ganz besonders gut. Alle waren einer Meinung und trugen die in verschiedenen Vokabeln vor sich her, manche irrerweise auch auf Designer-Handtaschen. Alle waren happy, wenn wieder mal ein Grapscher ins entlarfende Licht der Öffentlichkeit gezerrt wurde. Denn hier wurde an Wenigen exemplarisch Gerechtigkeit geübt, während die Löhne der Vielen selbstverständlich immer noch nicht angeglichen wurden.

Und weil die Mode immer Neues braucht, mindestens saisonal, gerne aber bitte noch öfter, wurden die Slogans alt und neue kamen, weil man sich, auch dank VETEMENTS so daran gewöhnt hatte, Wörter auf die Kleidung zu schreiben, die nun aber noch egaler wurden, was hätten sie auch sagen sollen.

Also schrieben die Modemarken erst die Saison auf ihre Oberteile, was im besten Fall an die Tour-Shirts von Rock-Bands erinnerte, im schlechtesten aber an die saisonale Wegwerfbarkeit ihrer schlichten Designs, dann schrieben sie das drauf, was es war, zum Beispiel „T-Shirt“ und nun steht auf dem neongrünen Handschuh, den Virgil Abloh für LOUIS VUITTON entworfen hat, eben drauf, dass der „extra grip“ hätte, eine besonders gute Griffigkeit, was natürlich völlig egal ist, bei einem Designerhandschuh, der ganz sicher nicht dafür getragen werden wird, um etwas besser greifen zu können.

Und begreifen tut man damit eben auch nichts.

Die Statements auf den Moden sind, egal wie politisch oder eben auch nicht sie sich geben, egal. Sie sind hohl. Sie bedeuten nichts, weil Bedeutung einen Wissenszusammenhang voraussetzen würde.

Nur so konnte es kommen, dass Melania Trump, die First Lady der Vereinigten Staaten von Amerika, auf ihrer überraschenden Reise in eines der Lager, in denen die US-Regierung geflüchtete mexikanische Kinder von ihren abgeschobenen Eltern getrennt einsperrt, eine Jacke trug, mit dem Statement: “I REALLY DON’T CARE, DO U?” – und nichts dabei fand.

Der Mode würde es gut tun, mal zu schweigen.

Category: Trends

Von: Carl Jakob Haupt

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