Mein 1. Mal: Erotik Messe Venus

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Als ich die Praktikumausschreibung in der Insta-Story von Dandy Diary gesehen habe, war mir sofort klar, dass ich mich bei den Boys bewerben muss. Weil ich ein paar Tage später aus dem Haus meiner Eltern in einem grünen Vorort von Essen nach Berlin in meine erste WG ziehen würde, kam es mir wie göttliche Fügung vor.

Also prompt angeschrieben. Knapp zwei Wochen später, kurz vor Semesterbeginn, finde ich mich mit David im “Mephisto” wieder – einem Kreuzberger Café.„Ab wann kannst du anfangen?“, fragt er.
„Am liebsten sofort!“, sage ich. 
„Dann schicken wir dich morgen zu Venus.“
„Perfekt…“

Ich frage David, wer denn noch mitkommt. Niemand. Ich, allein, inmitten aus einem Meer von Silikon-Titten, Micaela Schäfer und Goliath-3 Dildos? Fuck. Bisher kenne ich die VENUS nur aus mehr oder minder witzigen Youtube-Videos, in denen die Besucher verarscht werden, daher – zur dürftigen Vorbereitung – ein paar Minuten Recherche: Ich finde heraus, dass die Venus mit über 400 Ausstellern, zu denen Größen wie „My dirty Hobby“ und „Eis.de“ gehören, die bedeutendste Messe für „Erwachsenen-Unterhaltung“ weltweit ist und dieses Jahr zum 22. Mal stattfindet. Star der diesjährigen Erotik Messe: Pornostar Stormy Daniels, die Ex-Affäre (?) von Donald Trump. Sex und Macht – weltpolitische Dimensionen. Ich bin gespannt.

Um 10:30 Uhr sitze ich in der Ringbahn, motiviert, einen ersten, guten Artikel zu schreiben. Auf dem Weg von der S-Haltestelle Messe Nord / ICC zur Venus laufen vor mir schon die ersten beiden Klischee-Typen mit Pferdeschwanz + Halbglatze , Plauze und dem obligatorischen Bier in der Hand, entgegen. Bei der Akkreditierung wird mir ein Umhängeschild mit dem Aufdruck „Presse“ und meinem Namen in die Hand gedrückt, dann gebe ich noch meine Nummer ab, damit mich der VENUS Pressesprecher anrufen kann, sobald er Zeit für ein Gespräch hat.
Dann ab zum VIP-Eingang und schön an der Schlange vorbeilaufen – I’m a V.I.P. Bye, bye Essen – Hallo Berlin!

Als ich vor dem bulligen Security-Menschen stehe, gibt der ein erstauntes „Wie heißt du denn?!“ von sich. Offensichtlich muss ich noch etwas an meinem Auftreten feilen, aber ich habe ja noch Zeit, bin ja erst 18, blutjung, das nächste Mal dann großspurige Gestik und Hühnerbrust raus.

Die Halle ist noch menschenleer, alle Bühnen geschlossen, als ich komme, ich war wohl etwas übermotiviert. Die Ruhe vor dem Sturm, so sagt man. Spätestens, wenn Stormy kommt, gibt es sicherlich Massenauflauf. Während ich mir Hentai-Kissen anschaue und durch Virtuality-Reality-Brille in eine ferne, geile Zukunft blicke, füllen sich langsam die gigantischen Messehallen der Lust.

Ein schmieriger Typ erklärt mir unerwartet geduldig und überaus freundlich, wie ein Escort-Dienst mit Stempelsystem funktioniert, währenddessen schiebt sich eine nackte Mittfünfzigerin mit praktischer Kurzhaarfrisur und beeindruckend großem Intimpiercing an mir vorbei.

Irgendwann, während meines Rundgangs, stehe ich vor einem überdimensionierten, prallen Phallus in Schräglage, auf den die Venus Besucher reiten können, wie einen Bullen auf einem US-Südstaaten-Jahrmarkt. Ich überlege kurz, ob ich einen wilden Ritt wagen soll. Doch ich werde abrupt aus meinen Gedanken gerissen: Vibration, in meiner rechten Hosentasche. Walter Hasenclever, der Pressesprecher der Venus, ruft an. Wir treffen uns und führen ein kurzes, aber unterhaltsames Gespräch über Körperflüssigkeiten.

Danach verabschiedet sich Herrn Hasenclever mit einem kraftvollen Händedruck und verschwindet in die schrille Welt der Venus.

 

An diesem Stand wurde traditionelle Bettwäsche aus Japan angeboten

In der mittlerweile eine absolute Reizüberflutung herrscht: Aus jeder Ecke ballert es, alles von Schlager über Trap-Mucke bis hin zu einem ohrenbetäubenden Stöhnen. Strenge Dominas kreuzen meinen Weg. Sie marschieren, bewaffnet mit Lederpeitsche, mit strammen Gang zur Toilette. Vorne, auf der Bühne, zieht sich gerade eine dralle Blondine ihren glitzernen String-Tanga aus.

Fischerhut-tragende Greise filmen die Szene mit ihren VHS-Kameras. Ein Moment für die Ewigkeit. Am Messestand von „Daddys Luder“ komme ich ins Gespräch mit Ingo aus Franken, der offensichtlich Probleme mit seinen Augen hat, denn an seiner Jacke trägt er eine Blindenplakette.

Auf meine Frage, ob er eine Messe spaßig findet, die ausschließlich auf visuelle Reize setzt, mal abgesehen von den blechernen Beats aus den Boxen, antwortet er: „Ich bin nicht ganz blind, ich habe einen stark ausgeprägten Tunnelblick. Auf dem Schießstand mache ich 90 von 100 Punkten. So kann ich mich auf das Wesentliche konzentrieren.“

Während ich mich noch für meinen neuen Freund Ingo freue, dass er trotz allem das Wichtigste im Blick behält, zeigen sich bei mir erste Ermüdungserscheinungen.

Ingo aus Franken

Ein Typ, der aus seinem trockenen Mund so riecht, als wäre in ihm vor rund zwei Wochen ein Rabe verendet, erklärt mir, dass man bei seiner Firma Sexpuppen kaufen kann, in denen eine exakte Kopie des menschlichen Skeletts verbaut ist. Ich schaffe es mich gerade so noch rechtzeitig von ihm zu verabschieden, kurz vor dem drohenden Zusammenbruch, nachdem der Sex-Puppen-Skelett-Mann sicher erste Rettungsmaßnahmen ergriffen hätte: Mund zu Mund.

Ich denke daran, dass David noch meinte, dass ich alles auf der Venus mitnehmen soll, auch eine Liveshow, also kämpfe ich mich durch eine Menschentraube, um vor einem Rechteck aus Sichtschutzwänden zu landen. Der Frau am Eingang halte ich stolz meinen Presseausweis entgegen und bekomme ein „Fuffzehn Euro!“ entgegen gebellt, untermalt von einem energischen Kopfschütteln.

Ich setze mich in die letzte Reihe. Nach einer gefühlten Stunde kommen ein paar Frauen rein. Sie verlieren keine Zeit, ziehen sich aus und lassen sich von den Typen aus der ersten Reihe begrapschen. Frontrow eben. 35 Typen, die 5 gegen 1 spielen, 3 Girls, die sich gegenseitig mit einem lila Dildo penetrieren – und ich, der Junge aus einem Vorort aus Essen. Es ist zu viel für mich. Ich springe auf. Mein vor Geilheit lechzender Sitznachbar schaut mich geschockt an. Ich verlasse die Liveshow, kämpfe mich nach draußen.

Mein Kopf dröhnt wie die Boxen, die „Kokaina“ spielen, auf denen ein junges Mädchen twerkt. Ich laufe wie in Trance zur S-Bahn. Das war es also: mein 1. Mal.

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Category: News

Tags: Erotik Messe, VENUS

Von: David Kurt Karl Roth

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