MARTINE ROSE

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SS18. London. Die Modewoche der Männer. Statt, wie üblich, in das Herz der Stadt zu strömen, zieht es die angereisten Blogger,  Inlfluencer, Journalisten, Einkäufer, Streetstyle-Fotografen und Stylisten an den südlichen Rand Londons. Tottenham. Es ist die Hood von Modemacherin Martine Rose, die gerade aus ihre Herkunft ein Großteil ihrer Inspiration bezieht. 2017 widmete sie dem Londoner Viertel ein ganzes Fanzine, kleidete ein junges Model in einen braun-schimmernden Anzug mit schwarzer Mütze und Schuhen aus ihrer Kooperation mit Nike ein und ließ es an all den Orten fotografieren, die ihr wichtig schienen: Einem Plattenladen, einem Bistro. Und nannte den Druck „Don Pedro“.

Martine Rose – Don PedroPhotography Britt Lloyd, courtesy of Machine-A

Martine Rose – Don PedroPhotography Britt Lloyd, courtesy of Machine-A

Nun drängen sich Paparazzis und Modemenschen auf die verschieden farbigen Stühle in eine Kletterhalle in Tottenham. Fleecejacken zu Khaki-Shorts, weit geschnittene Cord-Hosen mit dem Rose-typischen hohen Bund, Pullover, Hemden und T-Shirts werden in die Hosen gesteckt. Die Schultern breit, die Ärmel lang. Gürtel werden gleich mehrere getragen, einer über, der andere unter der Anzughose. „ROSE Martine“, ihr Logo, steht auf T-Shirts, Sweatshirts mit herausstehendem Rollkragen, auf der Gürtel-Schnalle.

 

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Nach einjähriger Babypause ist sie zurück. Einfach so. Ohne große Ankündigung, ohne großen PR-Coup, ihr Comeback, voller Fokus auf die Mode, auf ihr gleichnamiges Label.Statt die konventionelle Art zu wählen, neue Kollektionen zu teasern – Lookbook, Show – wählte Rose für ihr Comeback 2016 das Videoformat und präsentierte ihre Kollektion in etwas, das uns als auch alle anderen, sehr an einen schwulen Softporno denken ließen.

 

Obwohl ihre Kleidung eigentlich für Männer gemacht ist, tragen ebenso Frauen die Entwürfe der geborenen Londonerin. Durch die stickige Kletterhalle, schickte sie für ihre SS18 Kollektion deshalb zwischen all den jungen Boys auch zwei Frauen über den Laufsteg. „Ja, ich weiß, dass Frauen meine Sachen kaufen“, sagte sie in einem Interview.

Die Basis ihrer Mode sind Subkulturen, Jugendbewegungen ihre Inspiration. Schließlich, so sagte sie auch, sei die Jugend ja gerade die Zeit, in der Kleidung besonders wichtig ist. Ein Ausdruck dessen, wie man sich fühlt, dessen wie man gesehen werden will. Sie beobachtet Nischen, greift sich Typen heraus, orientiert sich am Dresscode der Szene. Und setzt diesen in einen neuen, aktuellen Kontext. Es entstehen die Schlüsselfiguren ihrer Kollektion – der schwule Skinhead, der sentimentale Hardcore-Typ.

In der vergangenen Saison nahm sie sich, dem Normcore Trend entsprechend, den Normalo von der Straße  zum Vorbild – den Busfahrer, den Bäcker, den Typen im Anzug mit dem ‘Coffee to Go’ Becher in der Hand und Laptop unterm Arm über die Straße hetzt. Und inszenierte ihre daran angelehnte Kollektion da, wo sich diese Typen auch bewegen. An der „Seven Star Station“ zum Beispiel, einem Bahnhof, Verkehrsknoten, in South London. Und schuf damit gleich eine weitere Hommage an ihre größte Inspiration, ihr Zuhause.

 

Viel zu lang ist die Mode und ihre Macher der Illusion hinterhergerannt, sie könnte noch etwas ernsthaft Neues erfinden. Herausgekommen dabei sind viel zu oft umständliche Schnitte, untragbare Kleider. Statt immerzu blind nach vorne zu hecheln, schauen Brands wie Gosha Rubchinsky und Balenciaga, für die Rose nebenbei als Beraterin in der Männermode tätig ist, zurück.

Sie orientieren sich an den Archiven anderer Modehäuser, studieren Subkulturen und Typen – und zeigen diese in einem neuen, zeitgemäßen Kontext. Martine Rose schafft es, wie kaum eine andere Designerin ihrer Generation, das Relevante herauszufiltern. Und daraus Klamotten zu formen, die unbedingt getragen werden wollen.

Category: News

Tags: Martine Rose

Von: Carl Jakob Haupt

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