Marathon-Man (Not)

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Gestern, beim 45. Berlin-Marathon, brach Eliud Kipchoge den Weltrekord. Er rannte die 42,195 km in unglaublichen 2:01:39. Als Kipchoge gerade in seinen NIKE VaporFly 4% Flyknit Running Shoes jubelnd die Ziellinie überquerte, lief ich gerade durch Berlin Mitte, rund 14 km von meinem Einbruch entfernt.

Doch fangen wir von vorne an: Kurz nach dem Halbmarathon, den ich im April überraschend gut lief, nahm ich mir das nächste Ziel vor: Marathon – machbar, dachte ich.

Von der To-Do-List streichen – noch vor ( ) Kind zeugen, ( ) Baum pflanzen und ( ) Haus bauen – so der Plan. In diesem brutalst heißen Sommer lief ich regelmäßig, wenn auch in Maßen (selten über 10 km), viel zu warm. In den letzten 1 1/2 Monaten vor dem Marathon schleppte ich mich über die Distanzen von 20 km, 24 km und zuguterletzt 30 km – auch 42,195 km sicher möglich, so nahm ich an.

Der Berlin Marathon beginnt ja eigentlich schon einen Tag zuvor, mit der Abholung der Startnummer: Menschenmassen, die durch den ehemaligen Flughafen Tempelhof hetzen, kurioserweise viele von ihnen schon in Head-to-Toe Running-Gear, vorbei an den Verkaufsständen der Lauf-Industrie, bis nach ganz hinten, an den SSC Stand, wo einem gegen Vorlage des Personalausweis seine Startnummer überreicht wird.

Dafür, dass Laufen eigentlich etwas wunderbar simples sein kann (Schuhe an und los) gibt es mittlerweile wahnsinnig viele Produkte rund um den Sport, zu bestaunen bei der SCC Messe, u.a. das ideale After-Marathon-Bier Erdinger Alkoholfrei, Orthomol Spezialset (für die #dieallesgeben), Blister Shield – das Schutzschild gegen Blasen, Kompressionsstrümpfe, Massagesets sowie 3 Bears Porridge.

Das Porridge landete auch in einem Goodie-Bag, welcher mir überreicht wurde, und einen Tag später, exakt drei Stunden vor dem Start des 45. Berlin Marathon, in meinem Magen. In der U8 auf dem Weg zu Brandenburger Tor dann ein toller Mix aus Sport-Touristen, teilweise eingehüllt in goldenen Wärmefolien, optisch nicht allzu weit entfernt vom Christbaum-Schmuck, und Bleche rauchenden Junkies. Rund um die Straße des 17. Juni, dem Start-Sektor, 44.389 Läufer, darunter ein Chinese, der sich als Indianer verkleidet hatte, ein Däne als Mickey Mouse, Polen, Chilenen, Alte, Dicke, Dünne, knallharte Profi-Sportler – alles, was man sich so vorstellen kann.

Start, Jubel, Euphorie pur, ich überholte in den ersten Kilometern diverse Marathon-Aspiranten, zielstrebig vorbei an einer Frau, die an ihrem gewaltigen Arsch 15 Energy-Riegel befestigt hatte, ich war fasziniert und siegesgewiss. Doch nach 13 km dann die erste Schwächephase und Zweifel. Doch ich lief und lief. Am Hermannplatz gesellte sich Pacemaker Philip von Mollenkott, barfuß, für 1 km hinzu. Das half. Vorerst.

Doch ab Kilometer 22 kamen die unrühmlichen Gedanken wieder auf. Ich trabte wie ein altes, lahmendes Gnu durch die Präriere – von Wasserstelle zu Wasserstelle. Quälte mich, dachte nach: Option 1: irgendwie durchkämpfen bis zum Brandenburger Tor, dann dort wartende, sicher sehr stolze Freundin in den Arm nehmen, fortan lebenslang mehr oder minder subtil in Smalltalks erwähnen, dass man ja auch schon mal einen Marathon gelaufen ist („definitiv machbar“). Oder Option 2: Abbruch, zur Seite wanken, mitleidige Blicke der Zuschauer aushalten, enttäuschte Freundin anrufen, Freunde informieren, dass man gescheitert ist.

Ich entschied mich, weil ich nicht anders konnte, Körper und Geist nicht stark genug waren, für Option 2. Ich riss mir die Startnummer mit einer dramatischen Geste vom T-Shirt, dabei beobachtete mich eine den Marathon-Läufern zu jubelnde Omi. „Nächstes Jahr schaffst du es bestimmt“, rief sie mir entgegen. Vielleicht.

(Für all jene, die es auch mal versuchen möchten, zur Motivation, hier, eine Dokumentation über Eliud Kipchoge, Nike und ein Experiment).

Category: News

Tags: Berlin Marathon, Eliud Kipchoge, Joggen, Nike

Von: David Kurt Karl Roth

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