Keine Scham: die Berliner Event-Woche

Bäume wie Promis lassen die Hüllen fallen, denn mit dem Herbst hat auch die Event-Saison in Berlin begonnen.

Während ich an der großen AIDS-Gala in der Deutschen Oper noch selbst teilnahm, ein zweistündiges Best Of der allerbekanntesten Opernhits anhörte, einige ungelenke Reden und die eine besonders schöne, weil emotionale und auch wütende von Sir Bob Geldorf, schaute ich mir den Rest der Event-Woche, der mir via Social Media direkt ins Gesicht beworben wurde, todkrank vom heimischen Sofa aus an.

Es war vielleicht auch besser so, obwohl ich den Tiefpunkt wohl schon noch selbst und live mitbekommen hatte, als auf der AIDS-Gala auch die Sponsoren des Abends auf die Bühne durften und von Moderatorin Dunya Hayali zu ihrem Engagement befragt wurden. Während der Audi-Mann und der vom Verband Privater Krankenversicherungen noch recht souverän antworteten, missverstand die PR-Dame des Sponsors MAC Cosmetics den Moment, brachte Testimonial Palina Rojinski mit auf die Bühne und bewarb gemeinsam mit ihr einen Lippenstift, der bald im Handel sein würde, bis Hayali dem unwürdigen Werbetreiben ein Ende bereitete. Alle schämten sich sehr.

Der Event-Zirkus ging dann, so recht bekomme ich es nicht mehr zusammen, wohl mit der x-ten Abendveranstaltung von Porsche weiter, die doch in Berlin-Mitte aktuell ein altes Theater vorrangig mit Technomusik bespielen, Leih-Porsches an Influencer verteilen und vor allem einen neuen Elektro-Porsche bewerben. War es nun ein Abend mit Live From Earth, der Boiler Room oder eine Trade Party? Unklar, da nicht ganz trennscharf. Aber sicher mit ambitioniert guter Musik.

An irgendeinem weiteren Abend dieser Event-Woche lud dann der schwedische Fast Fashion Konzern H&M zur Kollektionspräsentation mit dem Bling-Label Moschino ein – und die Online-Kommentatorin @thelucieee bemerkte ganz zu recht, dass alle und jeder anwesend waren, die sich noch zu Beginn des Jahres über H&M und deren rassistischen Pullover aufgeregt hatten. Palina, omnipräsente Cash-Cow dieser Event-Woche, legte, soweit ich das über meinen kleinen Handyscreen beurteilen konnte, ein dankbares, tanzbares DJ-Set auf, über das die Tanztrainerin Nikeata Thompson scattete. Die geladenen Gäste liessen sich derweil mindestens ebenso dankbar in der erschwinglichen Glitzerkollektion vor den Markenlogos von H&M und Moschino fotografieren und nur die gerissensten unter ihnen schafften es, auf ihren Instagram-Accounts so zu tun, als wären sie bei einer Moschino-Party – und eben nicht auf der Verkaufsschau des schwedischen Ramschmarkts.

Aber nicht nur in Berlin wurde gefeiert: in der tatsächlich so genannten „Outlet City Metzingen“ besiegelte Chefredakteurin Christiane Arp endgültig das Ende des gedruckten Modejournalismus und eröffnete einen „Vogue Concept Store“, kuratiert von ihr selbst. Weiter weg von Paris war man nie. Den Niedergang der großen Modemarke Vogue feierten einige Berliner Designer und Blogger, musikalisch wurde er unterlegt von der Moderatorin Wana Limar.

Und auch in New York wurde dem Ramsch gefrönt: die Unterwäschemarke Victoria Secrets veranstaltete ihre alljährliche, glamouröse Körperschau, um Unterhosen im Zehnerpack für 38,- Euro zu bewerben.

Zurück in Berlin, nur einen Insta-Swipe entfernt, feierte das Männermodeheft GQ den Mann und sich selbst – und das bisschen was von beiden übrig geblieben ist. Beim Mann weiß man es noch nicht so genau, bei der GQ sind es nichtmal mehr 10.000 verkaufte Magazine pro Ausgabe. Auch hier war Porsche Sponsor (wobei Gerüchte besagen, dass dies das letzte Mal gewesen sein wird – der Vertrag läuft zumindest aus) und auch hier stand die allgegenwärtige Palina Rojinski auf der Bühne.

Die Awards der „Männer des Jahres“-Gala bekamen in diesem Jahr Herbert Grönemeyer, Orlando Bloom, Sebastian Schweinsteiger, Henry Cavill und überraschenderweise auch die italienische Modedesignerin Donatella Versace. Ob die sich mittlerweile als Mann identifiziert, wurde auf der Gala leider nicht geklärt, vielleicht ist das Männerbild der GQ aber auch diverser, als wir das aufgrund des etwas altbacken anmutenden Herrenmagazins vermutet hätten.

Und während die Eventwoche so langsam ihrem wohlverdienten Wochenende entgegenfeiert, komme auch ich wieder zu Kräften, stehe langsam vom Sofa auf, schüttele mich und gehe erstmal heiß duschen.

Category: Special

Von: Carl Jakob Haupt

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