Das Experiment

🍀đŸŒȘ

Vor wenigen Wochen endete die Phase der Abstinenz im Dandy Diary Team. 3 Monate kein Alkohol. Wie es dazu kam? Genereller Überdruss, kurz nach der Berlin Fashion Week – einer Zeit, in der Event auf Event, somit Free Drink auf Free Drink folgte.

Im Gegensatz zu Jakob, der sich die knallharte NĂŒchternheit verordnete, wollte ich experimentieren: Alle Rauschmittel sind erlaubt, außer Alkohol, so die selbst auferlegte Regel, die – das muss ich zugeben – jetzt wo ich meine Zeilen hier fĂŒr die Ewigkeit verfasse – nicht allzu konsequent anmutet.

Ich begann zu recherchieren. Einer meiner absoluten LieblingsbeschĂ€ftigungen, mit denen ich ganze Tage und NĂ€chte verbringen kann. Ziel war es vergleichsweise leichte Substanzen zu finden, auf denen ich als „Herr meiner Sinne“ durch das Nachtleben reiten wollte. Fest im Sattel, ohne schmerzenden Kopf und die quĂ€lenden Fragen am nĂ€chsten Morgen: Bei wem muss ich mich entschuldigen? Wie bin ich nach Hause gekommen? Oder – noch viel schlimmer – wo bin ich denn ĂŒberhaupt?

Einer der ersten Stoffe, auf die ich aufmerksam wurde: KRATOM. Ein Rauschmittel, das, so las ich, fĂŒr Euphorie, AktivitĂ€t und verringertes AngstgefĂŒhl sorgen sollte. Hauptinhaltsstoff ist das psychoaktive Mitragynin. In der traditionellen Medizin benutzen Thais Kratom, um Durchfall zu behandeln, außerdem gibt es Quellen, die behaupten, dass die Einnahme die Lust bei Mann und Frau steigern soll – all das ĂŒberzeugte mich. Daher bestellte ich diverse Kratom-Sorten auf KRATOM.eu – einem Webshop, dem ich mein Vertrauen schenkte.

Zu Recht, wie sich wenige Tage spĂ€ter zeigte, das Kratom kam ĂŒberpĂŒnktlich per Post aus den Niederlanden. Ein grĂŒnes, nach Matcha-Tee duftendes Pulver, ich nahm 3 Gramm, vermischt mit Grapefruit-Saft, der – so las ich in den Foren der virtuellen Kratom-Szene – die Wirkung verstĂ€rken sollte, die Szene sprach vom „Booster“.

Rund 30 Minuten nach dem Konsum spĂŒrte ich das Kratom. Ich kam mir leicht „druff“ vor, der Spiegelblick bestĂ€tigte: meine Pupillen mindestens halb so groß wie die Brustwarzenteller von Ramona Drews. Es folgte tatsĂ€chlich eine euphorische Stimmung, Rededrang – doch alles sehr subtil, angenehm.

Doch zu soft, zu wenig Rausch, zu viel NĂŒchternheit, um dauerhaft, in einer von links nach rechts wankenden, grölenden, saufenden Gesellschaft langfristig ohne Schaden zu ĂŒberleben.

Ich nahm Kratom ein paar Mal, probierte diverse Sorten und Booster (Magnesium, Kurkuma) aus, doch die Wirkung blieb subtil. WĂ€hrend meiner intensiven Recherche zu Kratom kam ich auf „Carpo Orr“ – einen YouTuber, der mit sanfter Stimme in seinen Videos ĂŒber seine Liebe zu Kratom berichtet. Er trĂ€gt gepflegten Vollbart und einen fantasievoll gestalteten, offensichtlich selbst entworfenen Arztkittel, in dem er Ă€ußerst vertrauenswĂŒrdig wirkt. Ein guter, ruhiger Typ – so sieht man also aus – nach 7 Jahren Kratom.

Es war Zeit fĂŒr eine neue Substanz: Kanna. Eine krautige Pflanze aus dem sĂŒdlichen Afrika, auch hier, so ergaben die lehrreichen Stunden vor dem Mac, ein Ă€hnliches Wirk-Spektrum wie bei Kratom: „Stimmung verbessern, Verminderung von AngstgefĂŒhlen und Stress. Moderat dosiert leitet es Euphorie ein und hat eine stimulierende Wirkung, die bei höherer Dosierung beruhigend wird.“ Man kann Kanna als Pulver schnupfen, als Tee trinken oder als hochdosiertes Extrakt rauchen. Ich entschied mich fĂŒr die dritte Variante.

Ort des Konsums: die „Dirty Denim Party“ von Influencerin Stefanie Giesinger. Ich zog 3-4 mal fest an der E-Zigarette und wĂŒnschte mir ein wenig Rausch, um all das hier irgendwie zu ĂŒberstehen. Das Kanna kickte, euphorisiert rannte ich zum Dancefloor, ich wollte, nein, ich musste jetzt tanzen, doch innerhalb von Sekunden kippte die Stimmung:

Ich drehte ab, suchte die nĂ€chste Sitz-Gelegenheit – ein etwa 4 Meter von mir entfernt stehender Sessel – zu dem ich es noch – dem Himmel sei Dank – rechtzeitig schaffte. Denn ich drohte das Bewusstsein zu verlieren, kalter Schweiß lief mir den RĂŒcken runter, ich versank in meiner braunen, abgewetzten Rettungsinsel. Ich gab die Kontrolle ab. Ich werde mich jetzt gleich – inmitten all dieser makellosen, Selfie schießenden Schönheiten – voll kotzen und scheissen – schoss es mir durch den Kopf. Warum nahm ich das afrikanische Teufelskraut? Hier und jetzt?

Ich flehte meinen Körper, ĂŒber den ich seit wenigen Minuten die Kontrolle abgegeben hatte, um Gnade. I know, I know – das Setting war nicht perfekt – doch bitte lass mir doch ein wenig WĂŒrde. Wir sind doch ein Team, oder? Ich kam wieder zu mir – erfreulicherweise – nicht wie befĂŒrchtet – inmitten von einem Pulk, entsetzt mit dem Finger auf mich zeigender Influencer – sondern immer noch auf meinem Sessel sitzend, zitternd, schweiß gebadet, beĂ€ngstigt, aber froh offensichtlich das Schlimmste ĂŒberstanden zu haben.

Nie wieder Kanna, so schwor ich mir, und verbrannte die RestbestÀnde zu Hause. Die letzte Substanz, mit der ich experimentierte:

Phenibut, ein „NahrungsergĂ€nzungsmittel“, welches in den 1960er Jahren in der ehemaligen Sowjetunion entwickelt wurde. Es wurde unter anderem den russischen Astronauten bei ihrem Apollo-Sojus-Test mitgegeben, falls es zu AngstzustĂ€nden im All kommt. Ich, auf der Droge der russischen Astronauten, das fand ich ziemlich lĂ€ssig, und nahm drei Gramm, des weißen, bitter schmeckenden Pulvers, genau 4 Stunden vor einem Dandy Diary DJ-Set, denn so lang braucht das Phenibut, laut Quellen, um seine Wirkung zu entfalten.

Eine Frage des Timings also. Phenibut setzt – wie auch Alkohol – bei den sogenannten GABA-Rezeptoren an. Es soll stark angstlösend wirkend, was ich defintiv bestĂ€tigen kann. Ich tanzte ausgelassen zu Rihanna’s “We found love Love in a hopeless Place”, machte meterhohe LuftsprĂŒnge, jauchzte vor Freude.

Doch alles mit Verstand und Vernunft – ohne SchlĂŒssel verlieren oder peinliche Anmachen. Apropos Anmachen:  Pick-Up-Artists, so las ich am nĂ€chsten Morgen, nutzen die russische Smart-Droge wohl, um mutig genug zu sein, um ihre Traumfrauen in freier Wildbahn anzusprechen.

Und – und das gehört auch zur Phenibut Wahrheit: Es kann Ă€ußererst schnell zur AbhĂ€ngigkeit fĂŒhren. Ein Cold Turkey in einer Berliner Entzugsklinik wegen russischer Astronauten-Droge stand nicht auf meiner To-Do-List, daher beendete ich das Experiment.

Ich erzĂ€hlte meinem Vater am Telefon von meinen Selbstversuchen. „Kryptonit“ – fragte er entsetzt. Ich wiederholte: „Kratom, Papa, Kratom“ – nicht das Mineral aus dem DC-Universum, welches Superman gefĂ€hrlich werden kann. Kratom ist eine Baumart aus SĂŒdostasien, deren LaubblĂ€tter fĂŒr eine euphorische Wirkung sorgen.

Er war beruhigt. Und ich um ein paar Erfahrungen reicher.

Category: News

Tags: Kanna, Kratom, Phenibut

Von: David Kurt Karl Roth

Instagram