Bewusster Konsum: Schale Weihnachten

Es sind zwar nicht immer ganz so viele, wie ich manchmal großmäulig kolportierte, aber viele sind es schon. Meine Nachbarn können ein Lied davon singen. Ich bekomme schon einen ziemlichen Haufen Pakete und Päckchen, gerollte Dinge und Maxi-Briefe, manchmal auch kleinere Post: Briefe von Ämtern, der Polizei, all den Ärzten und der Versicherung und vom Pizza-Lieferdienst, der auch Sushi bringt und Mexikanisch und bei dem ich in einem Moment geistiger Umnachtung neulich einmal bestellt habe.

Heute war dann allerdings ein besonderes Paket von dem Modelabel ARMEDANGELS dabei, mit einem Wollschal drin und einer Weihnachtskarte, die keine sein möchte, was auch genau so drauf stand: “This is not a Xmas card”

Nachdem ich mich über das fehlende “n” erst auf und dann bald auch schon wieder abgeregt hatte, las ich den Text, der im Grunde sehr freundlich war und daran erinnerte, dass man doch bitte bewusst konsumieren solle und das möglichst nicht nur an Weihnachten, sondern das gesamte Jahr über.

Und so saß ich dann an meinem zu großen Tisch in meiner zu großen Wohnung und überlegte, an wen ich diesen Schal den nur weiter verschenken könnte, weil ich doch schon einen Schal habe und man ja nun wirklich nicht zwei braucht und ich spätestens seit dieser Karte nicht mehr.

An meine Familie würde ich ihn nicht geben können, weil sich nach schönen Jahren des Schenkens nun final durch urdemokratische Abstimmung meiner älter und damit konservativer werdenden Familie die protestantische Askese durchgesetzt hatte, die ja immer schon mitgeschwungen und sogar studiert worden war und nur durch den Kauf von Holzspielzeug aus dem Eine-Welt-Laden und fair gehandelten Schoko-Nougat-Brotaufstrichen unterbrochen wurde. Irgendwo musste das Geld ja hin.

An Weihnachten würde es in diesem Jahr also keine Geschenke geben, dachte ich und wickelte mir den Schal dann doch selbst um, ob der eisigen Kälte, die urplötzlich aufgezogen war. Es ist ja vollkommen richtig. Was bräuchte ich auch und was die anderen? Irgendein Verlegenheitsgeschenk, weil man nicht so genau wusste oder sich nicht genug Gedanken machen wollte oder konnte doch bitteschön nicht. Das verrottet dann doch sowie nur so halb im Ozean und lässt Delfine sterben und die Korallen, durch die man doch dringend noch mit einem Plastikschnorchel im Mund tauchen wollte. Und den Staubsaugroboter habe ich mir doch ohnehin schon selbst gekauft, weshalb die Putzfrau jetzt seltener kommen muss und es also auch bei ihr zu Hause in diesem Jahr vielleicht weniger Geschenke gibt.

Seit selbst die Älteren in meiner Familie ihre Musik streamen und ihre Bücher, die ja nur noch Texte sind, auf Geräten von Apple lesen, fällt es doch auch sehr schwer, zu schenken. Die Klassiker des Weihnachtsfests wurden digitalisiert und ein Spotify-Gutschein sieht unterm karg geschmückten Baum nicht sehr feierlich aus. Daher lieber ganz drauf verzichten, ich verstehe es ja.

Statt Geschenke zu geben und bekommene zu öffnen, werde ich in diesem Jahr einen ausgedehnten Weihnachtsspaziergang initiieren und hoffen, dass es sehr kalt ist und wenn dann jemand friert, werde ich meinen Schal tragen und mir wird warm sein und ich werde erzählen, dass es gut ist, weniger zu konsumieren, natürlich, das wisse ja jedes Kind, dass ein kleines bißchen bewusster Konsum oder meinetwegen auch nur bewusstes Schenken, und sei es nur ein Teil, ein warmer Wollschal zum Beispiel, doch auch ganz schön sei. Das sollte doch selbst unterm kargsten protestantischen Weihnachtsbaum okay sein.

Ich habe mich jetzt ohnehin dazu entschieden, einfach immer dann zu schenken, wenn ich was passendes finde. Auch das passt irgendwie zur Weihnachtskarte, die dem Schal beilag. Darauf stand noch: “We care all year!”

Das mache ich jetzt auch. Nur halt nicht an Weihnachten. Ganz bewusst.

Category: Special

Von: Carl Jakob Haupt

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