Allah yarhemuhu, Nidal R.

🕊🕊

Redselige Taxifahrer können ganz schön nerven. Doch nicht dieser nette Kerl: Ahmed, der tĂŒrkische Taxifahrer, der uns vom Flughafen Tegel in unsere Neuköllner Hood brachte, begann mit einer persönlichen Geschichte ĂŒber seinen Sohn, der nicht aufhören wollte Pakete bei Amazon, Zalando und Co. zu bestellen und so in die Schuldenfalle tappte. Über die große Weltpolitik – Putin, Trump und Merkel.

Bis hin zu einem Clan-Krieg, der am Vortag zu einem Todesfall fĂŒhrte: Nidal R. – der in die Geschichte einging, als jĂŒngster Intensiv-StraftĂ€ter Deutschlands, wurde von drei MĂ€nnern mit acht SchĂŒssen hingerichtet, wĂ€hrend er mit seiner Frau und Kindern in der NĂ€he des Tempelhofer Feldes spazieren war. Die Killer, so der Taxifahrer, seien noch immer flĂŒchtig. Ich verabschiedete mich mit einem Handschlag von Ahmed.

Und begann, fasziniert von seiner Story zum Clan-Krieg zu recherchieren: Nidal R. – ein staatenloser PalĂ€stinenser – wurde 1992, mit 10 Jahren, das erste Mal aktenkundig: Er verprĂŒgelte mit anderen Jungen ein Kind, ein paar Tage spĂ€ter wird er beim Diebstahl eines Videospiels erwischt. Im gleichen Stil ging es dann weiter: Messerstecherei im zarten Alter von 14, Auto-Diebstahl, Crashs, Verfolungsjagd mit den Cops, Drogen etc.

Den Großteil seines Erwachsenenlebens verbrachte Nidal R. im Knast. Wenn er nicht im GefĂ€ngnis saß, dann war er auf der Straße unterwegs, in Shisa-Bars, zuletzt, so munkelt man, mit Arafat Abou-Chaker, dem gefĂŒrchteten Ex-Patron von Bushido, von dem sich der Rapper erst kĂŒrzlich trennte, um sich auf sein großbĂŒrgerliches Leben mit Anna-Maria, der Schwester von Sarah Connor, in seiner Villa in Kleinmachnow zu konzentrieren.

Die arabischen Clan-Familien, der Fall  Nidal R. – all das faszinierte mich so sehr, dass ich noch am Abend beschloss zu seiner Beerdigung zu gehen. Diese fand heute, 10:15 Uhr, am Neuen Zwölf-Apostel-Friedhof in Schöneberg statt, ĂŒber 2000 Menschen kamen.  Sowie rund 150 Polizisten, Dutzende Fotografen und Kamerateams. Ich erschien ĂŒberpĂŒnktlich, in schwarzer SANDRO Hose, ACNE Mantel und Docs.

Alle MĂ€nner begrĂŒĂŸten sich, mit Handschlag und drei KĂŒsschen, ich stand da, allein, leicht verĂ€ngstigt, man könnte mich enttarnen, als jemand, der nicht dazu gehört, doch dass sollte nicht passieren, auch spĂ€ter nicht, als gemeinsam am Grab gebetet wurde. Im Spalier warteten wir auf die Leiche von Nidal R. Ich stand etwas abseits der Masse, bis sich eine Gruppe von verschleierten Frauen zu mir gesellte, stand ich auf der falsche Seite?

Die Trauerkleidung der Anwesenden bestand grĂ¶ĂŸtenteils aus Jack Wolfskin und Stone Island Funktionsjacken, EA7 Hoodies, Baseball-Caps, Camouflage Joggingpants und Sportschuhen. Kaum MĂ€nner in AnzĂŒgen. Wie bei einer Fashion Show sind die letzten GĂ€ste wohl auch hier die wichtigsten: Eine Gruppe von großen, sicher bĂ€renstarken MĂ€nnern mit tĂ€towierten Stiernacken, in T-Shirts, auf deren RĂŒckseite die “21” prangte, kam durch das Friedhofstor.

Kurz vor Ankunft des Leichnahms wurden die anwesenden Polizisten, die mindestens genau so viele gewaltige, ebenfalls penibel getrimmten BĂ€rte, wie die TrauergĂ€ste trugen, nervös. Der Sicherheitsdienst, in kugelsicherer Weste, brĂŒllte in die wartende Menge: “Wir mĂŒssen schon ein bisschen Platz machen, denn der Wagen muss ja hier rein”. Die Meer von Menschen öffnete sich.

Kurzer Tumult, als der Leichenwagen der Al-Schahbaa Bestattung einffĂ€hrt, bis der bĂ€rtige Iman zum Mikrofon greift, um die Menge zu beruhigen: “Wir wollen nach der Sunna bestatten, also in Totenstille, ihr helft ihm, wenn ihr euch daran haltet, keine Rufe, keine Schreie”. Das Auto, auch der Pulk, setzte sich in Bewegung, die gesamte Sonnenallee, so das GefĂŒhl, bewegte sichk einmal quer ĂŒber den Zwölf-Apostel-Friedhof.

Immer wieder hektische Rufe, als der Tross, der den Sarg trĂ€gt nicht vorrankommt, rechts neben mir beschweren sich ein paar MĂ€nner im PalĂ€stineser-Trikot: “Sie sollen die Alten mal machen lassen”. Ein Alter macht dann: Er sorgt dafĂŒr, dass ein Halbstarker seine Zigarette ausmacht. Es wird gebetet. Ich frage mich, ob ich a.) mitbeten soll b.) Pose einnehmen, die aussieht, als wĂŒrde ich beten c.) demonstratives nicht beten, denn ich bin ja schließlich kein Muslim, kenne mich nicht aus, daher totaler Quatsch.

Ich entschließe mich fĂŒr den Kompromiss: b.). Nachdem Gebet wird Nidal R. – nach islamischen Ritus ohne Sarg, in LeinentĂŒchern – in die Gruft hinabgelassen. WĂ€hrenddessen liest der Iman Koransuren vor. Es stehen ausschließlich MĂ€nner am Grab. Alle Frauen, fast alle in schwarzen Hijabs, beobachten das Geschehen aus weiter Entfernung. Erst spĂ€ter, nachdem das Grab verschĂŒttet wurde, dĂŒrfen die Frauen ans Grab.

Vorher spricht der Iman noch zu den MĂ€nnern, die sich um die Gruft drĂ€ngen: “Jeder muss irgendwann gehen. Seid ihr dafĂŒr bereit? Kenn ihr den Weg in die Moschee? Oder nur in die nĂ€chste Discothek”. SpĂ€ter mahnt er die Gemeinde zur Vernuft: “Blutrache ist kein Weg”.

Ob diese weisen Worte fruchten, werden die nĂ€chsten Wochen zeigen. Niemand, bis auf einen deutschen Mann mit KnasttrĂ€ne unter dem linken Auto, hat geweint, stelle ich verwundert auf dem Weg hinaus, vorbei an den Kamerateams, fest. Google klĂ€rt mich spĂ€ter auf: “WĂ€hrend der ÜberfĂŒhrung und des Tragens sowie am Todesort ist es rituell unerwĂŒnscht, klagend zu weinen oder zu schreien.” Allah yarhemuhu, Nidal R.

Category: News

Tags: Bestattung, Nidal R.

Von: David Kurt Karl Roth

Instagram